Liebe Leserinnen und Leser!
„Hundertprozentig“ sagen manche Leute, wenn sie der Meinung sind, dass einem anderen oder ihnen selbst etwas besonders gut gelungen ist – zum Beispiel der Braten für den Sonntag, das Tor beim Fußballspiel, die neugestrickten Socken oder das Solo beim Konzert. Mich stört dieser Ausdruck jedes Mal, wenn ich ihn höre.
Zum einen, weil ich denke: Das stimmt doch gar nicht. Niemand ist perfekt und keiner vollbringt hundertprozentige Leistungen. Zum anderen, weil ich den Eindruck habe: Es ist genau das, was viele Menschen in unserer Zeit belastet und manche sogar krank macht – das Gefühl, perfekt sein und immer hundert Prozent geben zu müssen: In der Schule, am Arbeitsplatz, bei der Erziehung der Kinder, im Haushalt und häufig sogar im Verein, dem man doch eigentlich  beigetreten war, um einen Ausgleich zum anstrengenden Alltag zu haben. Mal werden die Erwartungen laut ausgesprochen, mal stehen sie stumm im Raum. Und manchmal setzen Menschen sich auch selbst unter Druck, weil sie meinen, alles besonders gut machen zu müssen.

Mir fällt dazu meine Religionslehrerin aus der Oberstufe ein, die am Tag vor den Abiturprüfungen zu uns sagte: „Ich bin mir sicher, dass ihr alle in den letzten Wochen viel gelernt habt. Und wenn ihr mit den Vorbereitungen nicht ganz fertig geworden seid, dann macht euch keine Vorwürfe. Es gibt eben Tage, da kann man sich nicht so gut konzentrieren. Sagt euch immer wieder: Ich habe so viel gelernt, wie es mir in meiner Situation möglich war.“ Diese Worte habe ich damals als sehr  entlastend empfunden, weil sie mir zeigten: „Ich brauche nicht perfekt zu sein. Es ist absolut menschlich, dass man Schwächen und Wissenslücken hat.“
Eine Einsicht aus Beratung und Coaching geht darüber noch hinaus, denn sie besagt: „Gut ist sogar besser als perfekt.“ Dabei beruft man sich auf den Soziologen Vilfredo Pareto (1848-1923), der die sogenannte 80/20-Regel aufgestellt hat. Nach dieser erreicht man 80% der Ergebnisse mit 20% des Aufwands, wohingegen die letzten 20% bis zur Perfektion weitere 80% des Aufwands kosten. Ist das nicht eine Regel, die dabei helfen kann, viel gelassener
mit Erwartungen und Aufgaben umzugehen?
Es muss nicht immer alles perfekt sein, es kann überhaupt nicht alles perfekt sein. Auch die Bibel ist dieser Meinung. Denn egal an welcher Stelle man sie aufschlägt – man findet in ihr keinen hundertprozentigen Menschen. Denken Sie nur an Adam und Eva, die der
Frucht des Baumes einfach nicht widerstehen können. An Jakob, der seinem Bruder das Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht abschwatzt. An Petrus, der so viel mit Jesus erleben darf und doch immer wieder zweifelt. Oder an Paulus, der, bevor er zum Apostel wird, lange Zeit als Christenverfolger durch das Land zieht. Keiner von ihnen ist perfekt. Und doch liebt Gott sie alle und stellt sie in seinen Dienst.
In diesem Jahr begehen wir das Reformationsjubiläum. Martin Luther war auch ein Mensch, der wusste, welche Last Perfektionismus bedeutet. Denn er wollte es Gott hundertprozentig recht machen. Immer wieder fragte er sich: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Und wie kann ich es schaffen, dass Gott mir seine Liebe schenkt?“ Aber so oft er auch betete, fastete oder Buße tat – nie konnte er sich sicher sein, dass es in Gottes Augen genug war. Fast wäre er daran zerbrochen. Doch dann kam der große Durchbruch. Luther erkannte: Es gibt gar keinen Weg, sich durch Leistungen den Himmel zu verdienen. Das Eigentliche leistet Gott selbst. Und er liebt die Menschen, egal was sie an Vorleistungen mitbringen.
Ich muss nicht hundert Prozent erreichen! Gut ist besser als perfekt! Ich bin geliebt – trotz meiner Schwächen.
Das ist ein Kontrastprogramm zu dem, was in unserer Gesellschaft oft gilt. Aber gerade deshalb will ich es mir immer wieder vorsagen und mich daran erinnern.  Machen Sie mit?
Es grüßt Sie herzlich

Ihre Pfarrerin Emilie Weinreich

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Sonntag, 01. 10, 12:00

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