Der Apostel Paulus hatte die Gemeinde in Korinth gegründet, war dann weitergezogen, hielt aber den Kontakt durch Briefe. Jedoch verlor er an Einfluss - die neuen Gemeinde-Leiter schauten auf Paulus herab: Sie wussten zu imponieren mit ihrer Rhetorik und mit besonderen Gotteserfahrungen, Paulus war unscheinbarer. Diese Entwicklung in „seiner“ Gemeinde sah Paulus sehr kritisch: Ist das Auftrumpfen mit eigenen Stärken und außergewöhnliche Gotteserfahrungen wirklich das, wonach wir Christen streben sollten?
Paulus konnte zwar durchaus mithalten, wenn es um besondere Gotteserfahrungen ging. In seinem 2. Brief an die Gemeinde (2. Kor. 12, 1-19) erzählt er von einer „Entrückung“ ins Paradies.

Er deutet diese ekstatische Erfahrung allerdings nur an und kommt dann auf eine ganz andere Seite seines Lebens zu sprechen: sein jahrelanges Leiden: „Damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll.“ (2. Kor 12, 7).
Was er damit genau meint, bleibt unklar. Welches konkrete Leiden hinter diesem „Pfahl im Fleisch“ stand, wissen wir nicht. Aber es spricht manches dafür, dass Paulus unter Epilepsie gelitten hat. Für einen Missionar eine schwierige Einschränkung. Ob ein Pfarrer bei uns eine Anstellung erhalten würde, der in dieser Weise gesundheitlich beeinträchtigt und nicht voll belastbar ist?

Ob Paulus damals auch mit den Gedanken und Fragen beschäftigt war, die uns umtreiben, wenn wir solches Leiden erleben? Warum geschieht mir dies? Und wieso erhört Gott mein Gebet nicht?
Auch Paulus hat darum gebetet, dass Gott diese Krankheit von ihm nimmt. Aber eine gänzliche Heilung hat Paulus, einer der wirksamsten christlichen Missionare, nicht erlebt. - Ich bin sehr dankbar, dass Paulus davon ehrlich erzählt und somit nicht der Erwartung Vorschub leistet, dass wir als Christen im Leben nur Glück und Heil erleben. Paulus verstand, dass er mit dieser Krankheit leben musste. Er wurde von Gott nicht geheilt, stattdessen hat Christus ihn getröstet, indem er ihm sagte: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in der Schwachheit mächtig.“
Unsere Schwächen sind sehr verschieden: Geringer werdende körperliche Kräfte, Krankheiten, schwächer werdende Geisteskräfte, wachsende Vergesslichkeit, Leiden an Einsamkeit … Auch wir dürfen in unseren Schwächen dieses Wort Jesu Christi hören: „Lass dir an meiner Gnade genügen!“ Wir müssen nicht so aussehen, als wären wir niemals krank gewesen. Wir müssen nicht so auftreten, als könnte uns nichts aus der Bahn werfen. Wir müssen nicht die Maske des attraktiven, dynamischen und erfolgreichen Aufsteigers zeigen. Wir dürfen uns vielmehr sagen lassen: „Lass dir an meiner Gnade genügen!“ In Erfolgen und Misserfolgen, in Freuden und Sorgen und auch in den Ratlosigkeiten unseres Lebens - lass Dir an Gottes Gnade genügen!

Paulus ist kurz eingegangen auf das Spiel, das die Korinther spielen wollen: dass man voreinander mit dem Verweis auf seine Stärken glänzen soll. Aber er mag dieses „Spiel“ nicht, so sehr es in unserer menschlichen Natur angelegt ist. Wir Christen müssen uns nicht übertrumpfen. Wir dürfen uns bescheiden. Die Wahrheit ist jedenfalls: Stärke haben wir nie genug, weil es immer Stärkere gibt. Reichtum haben wir nie genug – immer bleiben unerfüllte Wünsche. Die Gnade Gottes aber reicht aus.

„Meine Kraft ist in der Schwachheit mächtig“. Dieser Vers ist übrigens auch so etwas wie der rote Faden im Leben Jesu. Nicht im Palast, sondern im Stall wird Jesus geboren. Nicht in Jerusalem, sondern im kleinen Bethlehem wird Gott Mensch, geboren von einer unbedeutenden jungen Frau. Gottes Kraft wird in der Schwachheit mächtig. Und dieser Anfang Jesu in Armut und Niedrigkeit setzt sich fort in seinem Leben. Kein Triumphzug, sondern Missverstehen durch seine Jünger, Ablehnung durch viele Landsleute und am Ende das Kreuz. Am Kreuz findet diese so außergewöhnliche Macht Gottes ihr deutlichstes Zeichen: Gott geht den unteren Weg. Er bleibt den Menschen nahe bis zum Tod. Gottes Hoheit ist seine Niedrigkeit.

Gottes Kraft ist in der Schwachheit mächtig. Und seine Gnade ist das eine, von dem wir wirklich leben und zehren können. Gerade dann, wenn wir uns eingestehen müssen, dass unsere Kraft nachlässt und unsere Gesundheit beeinträchtigt ist.

Ihr Pfarrer Christoph Holland-Letz 

 

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3. Advent
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Sonntag, 23. 12, 09:30
4. Advent
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