Liebe Leserinnen und Leser!

In seinem Brief an die Philipper fordert Paulus die dortigen Gemeindeglieder auf: „Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen!“ So heißt es jedenfalls in der Lutherübersetzung. „Lindigkeit“ – dieses Wort klingt ja sehr schön, aber es gehört zu den mittlerweile „ausgestorbenen“ Worten. Wir benutzen es nicht mehr. Daher die Frage: Was ist damit gemeint? „Lindigkeit“ ist eine Eigenschaft, die wir im Umgang mit anderen zeigen: sacht sein, gütig, verbindend, beschenkend, aufbauend.

In neueren Übersetzungen der Bibelstelle Philipper 4,5 ist „Lindigkeit“ mit Güte wiedergegeben. Aber damit ist die breite Bedeutung dieses Wortes nicht voll wiedergegeben. In der Übersetzung von Jörg Zink scheint mehr davon auf, wenn er formuliert: „Eure Güte mache allen Menschen Freude!“
Mir ist dazu ein Artikel der Hamburger Schriftstellerin Meike Winnemuth aus dem letztjährigen Kalender „Der andere Advent“ eingefallen. Sie spricht darin unsere typisch deutsche Art an, im Alltag gerne auf der Lauer zu liegen nach Dingen, die wir kritisieren können: Das Wetter, das schreiende Kind, die störenden Konfirmanden im Gottesdienst, das Essen im Restaurant, an dem nichts dran war, was den hohen Preis gerechtfertigt hätte. Wir sind darauf getrimmt, Fehlverhalten zu kritisieren. Nicht das Gelingen wird gelobt oder belohnt, sondern die Fehler kritisiert.
Unser sparsamer Umgang mit dem Lob ist ja schon vielfach festgestellt und auch auf die Schippe genommen worden. Wenn niemand Kritik äußert, dann muss man das bei uns als Kompliment auffassen. Ganz nach der Devise: „Nicht gemeckert ist genug gelobt!“
Meike Winnemuth erzählt nun, dass sie vor einigen Jahren für ein paar Monate in New York gelebt hat. In dieser Zeit hat sie die New Yorker als wahre Meister des Komplimente-Machens im Vorübergehen erlebt. „Great pedicure, honey“ (du hast großartig schöne Fußnägel, Süße!) sagte eine Frau beim Blick auf ihre Füße, wollte darüber nun aber auch nicht weiter ins Gespräch kommen. Schon war sie um die nächste Ecke verschwunden. Oder: „Excellent choice!“ (super Wahl!) meinte der Buchhändler, als sie ihm das neue Buch von Ian McEwan auf den Kassentisch legte. - „Dieses dauernde Loben war für mich zuerst ein Schock, die klassisch deutsche Reaktion darauf ist ein misstrauisches `Was wollen die von mir?´ Antwort: nichts. Die sagen nur, was ihnen gefällt. Und das macht allen gute Laune. Die, denen was Schönes auffällt, freuen sich, und die, denen es gesagt wird, noch viel mehr.“
Seit dieser Erfahrung hat sich Meike Winnemuth angewöhnt, es ähnlich zu machen und alles Schöne und Gelungene zu loben. Dafür gibt es täglich hundert Gelegenheiten. Ihre Erfahrung dabei ist: „Viele reagieren verunsichert, einige fühlen sich fast belästigt, aber die Mehrheit freut sich einfach, so wie ich. Denn erst mit dem freundlichen Blick auf die Welt stellt man fest, wie großartig sie ist, wie viel täglich klappt, wie schön vieles ist. … Das genaue Hinschauen und das manchmal tollkühne Aussprechen, wenn man sich über etwas freut, sorgt für ein flauschiges Gefühl der Zufriedenheit, das sonst auf legalem Weg nur schwer zu erreichen ist.“ (Meike Winnemuth, in: Der andere Advent 2018)
Ich finde nun, dass in dieser hier beschriebenen schönen Angewohnheit die Aufforderung des Paulus aus dem Philipperbrief wunderbar umgesetzt ist. „Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen!“ oder in der Formulierung von Jörg Zink: „Eure Güte mache allen Menschen Freude!“
Ich finde, dieser Aufforderung des Paulus in der von Frau Winnemuth beschriebenen Art und Weise zu folgen, ist ein gutes Vorhaben für die nächsten Wochen und Monate. Wobei: Gewohnheiten umzustellen, fällt niemandem leicht. Doch gibt es wahrscheinlich keine bessere Jahreszeit für diese Übung als den Frühling. Jetzt, wenn die Sonne uns wieder wärmt, es in Natur und Garten wieder grünt, die Farben alles Blühenden uns fast betören und mit all dem unsere Lebenslust neu geweckt ist, - jetzt ist die richtige Jahreszeit, um kleine Freude spendende Komplimente an unsere Nächsten zu verstreuen. Ich möchte es jedenfalls üben und ich hoffe, möglichst viele von Ihnen machen mit!

Es grüßt Sie ganz herzlich,
Ihr Pfarrer Christoph Holland-Letz 

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