Pfarrerin Emilie Weinreich mit einem Sonntagsgedanken für den 03.05.2020 aus der Kirche in Schreufa.

Liebe Gemeinde!

Eine Woche geht zu Ende, in der viel diskutiert wurde. Virologen haben mit Politikern diskutiert. Politiker haben mit Vertretern verschiedener Interessensgruppen diskutiert. Landeskirchen haben mit Ministerpräsidenten diskutiert. Und viele weitere Menschen haben mitdiskutiert – am Gartenzaun und auf der Straße, am Telefon oder im Internet. Dabei ging es um Fragen wie: Wann sollten Schulen und Kindergärten wieder geöffnet werden? Wie lange hält unsere Gesellschaft diesen Stillstand noch aus? Dürfen in den Kirchen endlich wieder Gottesdienste stattfinden? Und auf welche Weise kann die Wirtschaft hilfreich unterstützt werden? 

Heute ist Sonntag. Und ich merke: Ich brauche dringend eine Pause von all diesen Diskussionen. Natürlich sind sie wichtig. Es geht um so viel. Um Leben und um Existenzen. Aber man kann nicht tagelang nur grübeln. Zwischendurch muss man auch mal durchatmen. Und wann, wenn nicht am Sonntag? Ich glaube, genau dafür hat Gott ihn gemacht.

Also erlaube ich mir, all die ungelösten Fragen und Probleme wenigstens mal für einen Moment zur Seite zu schieben und stattdessen Raum zu schaffen für eine Geschichte, die mir schon seit ein paar Tagen immer mal wieder durch den Kopf geht aber bislang noch wenig Beachtung gefunden hat. 

Die Geschichte steht im Alten Testament und erzählt vom Volk Israel, das gerade eben erst erfolgreich aus Ägypten geflohen ist. Viele Jahre haben sie dort als Sklaven verbracht und unter den Schikanen des Pharaos gelitten. Nun sind sie endlich frei und können ein neues Leben beginnen. Allerdings weiß keiner von ihnen, in welche Richtung sie ziehen sollen.  In diese oder lieber doch in jene? Noch nicht einmal Mose, ihr Anführer, kennt den richtigen Weg. Schnell droht die Stimmung im Volk zu kippen. „Vielleicht wären wir doch besser in Ägypten geblieben“, fangen manche an zu murren. „Da hatten wir wenigstens genug zu essen. Hier kennen wir uns überhaupt nicht aus. Wir werden alle jämmerlich in der Wüste sterben.“ 

Doch dann geschieht etwas Unerwartetes: Gott selbst mischt sich unter sein Volk. Am Tag zieht er in einer Wolkensäule vor ihnen her und zeigt ihnen den richtigen Weg. Und in der Nacht ist er als Feuersäule da, die Licht spendet und sicherlich auch wärmt.

Mit Gott zusammen wird die Reise für die Israeliten kein Spaziergang. Schon gleich am Anfang führt Gott sie einen großen Umweg. Weil er weiß, dass dieser Weg sicherer für sie ist. Sie müssen Tag und Nacht laufen. Und immer wieder erleben sie unterwegs große Gefahren, Hunger und Durst. Aber am Ende kommen sie an. Im gelobten Land Kanaan.

Eine wunderbare Geschichte. Wie gut, dass ich mich dazu durchringen konnte, ihr heute endlich Raum zu geben. Denn ich merke, wie sie etwas in mir bewegt. Sie macht mich ein bisschen mutiger. Ein bisschen hoffnungsvoller. 

Natürlich glaube ich nicht, dass wir es genauso erleben werden wie das Volk Israel damals. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass Gott in den nächsten Tagen in Gestalt einer Wolken- bzw. Feuersäule vor dem Reichstag in Berlin erscheinen und unserer Regierung den besten Weg durch diese Krise zeigen wird. 

Und doch weckt die Geschichte Hoffnung in mir. Hoffnung, dass auch wir ankommen werden – selbst wenn der Weg lang wird und wir manchen anstrengenden Umweg machen müssen. Weil Gott auch mit uns geht. Er ist kein Gott, der aus einem fernen Himmel auf seine Menschen herabsieht. Er mischt sich mitten unter uns. 

Und wenn ich es mir recht überlege – ist uns in den vergangenen Wochen nicht schon längst so manche Idee geschenkt worden, die uns auf einen guten, gangbaren Weg geführt hat? 

Ich denke zum Beispiel an die abgezählten Einkaufswagen, die die Ansteckungsgefahr in den Lebensmittelmärkten erheblich reduziert haben. Ich denke an die selbstgenähten Gesichtsmasken, mit denen wir uns gegenseitig zumindest ein wenig schützen können. Ich denke an Besprechungen mithilfe von Video- und Telefonkonferenzen. An Gottesdienste im Internet und auf Papier. An die zahlreichen Wohnzimmerkonzerte beliebter Bands auf YouTube. Oder ich denke an die beiden Biobauern aus Nordhessen, die einen ganzen LKW voller Kartoffeln und Gemüse nach Rumänien geschickt haben. Zur Unterstützung der Erntehelfer, die in diesem Jahr kein Geld in Deutschland verdienen können.

Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Ja, für diese Worte soll am heutigen Sonntag Raum in mir sein.

 

Bleiben Sie und bleibt Ihr behütet.

Ihre/Eure Pfarrerin Emilie Weinreich

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