Pfarrerin Emilie Weinreich mit einem Sonntagsgedanken für den 10.05.2020 aus der Kirche in Schreufa.

Liebe Gemeinde!

Eine alte Dame schaut aus dem Fenster und dirigiert fröhlich im Takt. Auf dem Balkon nebenan stehen ein Mann und eine Frau mit grauem Haar. Andächtig lauschen sie der Musik und scheinen davon gar nicht genug bekommen zu können. Und unten im Hof haben sich etliche Rollstuhlfahrer versammelt, die begeistert Beifall klatschen, als der letzte Ton verklungen ist.
So hat es sich vergangene Woche in einem Altersheim in Berlin ereignet. Besser gesagt: Vor einem Altersheim. Denn dort hat der berühmte Orgelspieler Cameron Carpenter seinen LKW platziert, mit dem er schon seit Tagen durch Berlin tourt. Von Altersheim zu Altersheim. Ohne Vorankündigung. Damit sich nicht zu viele Menschen an einem Ort versammeln.
Eigentlich hätte Carpenter in dieser Zeit viele Auftritte gehabt, unter anderem in der Elbphilharmonie in Hamburg. Aber da die nun alle verschoben sind, hat er kurzerhand einen LKW gemietet, seine Orgel darin aufgebaut und ein Team für die Technik engagiert. Die spontanen Open-Air-Konzerte sind kostenlos. Das einzige Ziel, das der Künstler mit ihnen verfolgt, formuliert er selbst so: „Ich will den Menschen Bach näherbringen und ihnen in dieser schwierigen Zeit einen Moment der Freude bereiten.“ 
Musik ist ein wirklich ein großartiges Geschenk. Weil Musik die Fähigkeit besitzt, manches zu verändern. Sie kann Menschen fröhlich machen, Angst und Sorgen für einen Augenblick vergessen lassen, in Bewegung bringen, schöne Erinnerungen wecken, das Herz weit machen oder die Seele aufatmen lassen. 
Diese Erkenntnis ist sehr alt. Schon unsere Bibel weiß um die verändernde Kraft der Musik. 
Ich denke zum Beispiel die Geschichte von Saul, die uns im Alten Testament erzählt wird (1 Sam 16,14-23). 

Saul war der erste König in Israel. Eigentlich hatte Gott gar keinen König für sein Volk vorgesehen. Doch nachdem die Israeliten im gelobten Land Kanaan angekommen waren und gesehen hatten, dass alle Nachbarvölker um sie herum einen König hatten, wollten sie auch einen haben. So wählte Gott einen Mann namens Saul für sie aus. Er war wie gemacht für diese verantwortungsvolle Position. Und alle waren sehr zufrieden mit ihm, denn er sorgte für Wohlstand und Sicherheit. 
Doch mit der Zeit änderte sich das. Saul hörte nicht auf Gott und übernahm sich immer mehr. Das führte dazu, dass er irgendwann keine Kraft mehr hatte. Er konnte nicht mehr regieren, sich an nichts mehr erfreuen und wurde von vielen Ängsten und trüben Gedanken geplagt.
Seine Diener wussten nicht, was sie noch tun sollten. Wie konnten sie König Saul nur helfen? Bis einer von ihnen eine Idee hatte: „Da gibt es doch diesen Hirten David, der so schön Harfe spielen kann. Kommt, wir holen ihn in den Palast, damit er für Saul musiziert.“
So machten sie es. Und ihr Plan ging tatsächlich auf. Immer wenn die Ängste und schweren Gedanken über Saul kamen, spielte David auf der Harfe für ihn. Das holte Saul aus seiner Dunkelheit heraus und gab ihm neuen Lebensmut. 
Ich frage mich: Warum kann Musik so etwas bewirken? Warum hat sie eine solche Kraft und kann Menschen - oft noch viel mehr als Worte - tief in ihrem Inneren erreichen und verändern?
Eine Antwort habe ich nicht. Aber mir fällt dazu ein Satz ein, den die Benediktinerin und Dichterin Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert mal gesagt hat: „In der Musik hat Gott den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen.“
Vielleicht ist das wahr. Vielleicht ist Musik tatsächlich weit mehr als Töne, Melodien, Instrumente oder Gesang. Nämlich ein Gruß aus dem Paradies, in dem wir nicht mehr leben, aber das Gott uns verheißen hat. Und möglicherweise spürt unser Herz etwas von der Freiheit, dem Frieden und der Freude dort, wenn wir Musik hören oder selber Musik machen. 
Der heutige Sonntag trägt den Namen Kantate, zu Deutsch: Singet! Er ist der Musik und dem Gesang gewidmet. Zum einen, weil es in der Bibel heißt: Gott freut sich, wenn ihr ihm Lieder singt. Und zum anderen, weil Lieder - wie gesagt - so wichtig für die menschliche Seele sind.
Leider können wir heute, am Sonntag Kantate, noch nicht zum Gottesdienst in der Kirche zusammenkommen. Und auch, wenn das in ein paar Tage wieder möglich ist, dürfen wir erstmal noch nicht gemeinsam singen. Weil viele Wissenschaftler warnen, es erhöhe die Ansteckungsgefahr.
Doch das muss uns nicht davon abhalten, heute trotzdem - jeder für sich oder gemeinsam in der Familie - zu singen. Vielleicht ein Lied aus dem Gesangbuch, zum Beispiel „Geh aus mein Herz“. Oder eines der neueren wie „Möge die Straße“. 
Natürlich kann man sich auch Musik anhören, die man gerne mag. Im Radio, auf CD oder im Internet. Unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden haben das diese Woche bereits getan. Sie haben sich überlegt, welches Lied ihnen persönlich im Moment besonders guttut. Anschließend haben sie es in unsere WhatsApp-Gruppe gestellt. Und so hat jeder von jedem einen Musikgruß erhalten, was richtig viel Freude gemacht hat.
„In der Musik hat Gott den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen.“ Ich halte das für eine sehr gute Erklärung.

Bleiben Sie und bleibt Ihr behütet.

Ihre/Eure Pfarrerin Emilie Weinreich

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