Pfarrerin Emilie Weinreich mit einem Sonntagsgedanken für den 17.05.2020 aus der Marienkapelle der Liebfrauenkirche in Frankenberg (Eder).

Liebe Gemeinde!

Manchmal stellt man fest, dass etwas fehlt: Ein Stück Butter, ein Ei oder ein Liter Milch. Aber es ist schon spät oder Sonntag und alle Geschäfte haben geschlossen. Wenn das passiert, brauche ich nicht lange nachzudenken, was ich mache. Natürlich laufe ich sofort zu meiner Freundin Marion, die nur zwei Gehminuten von uns entfernt wohnt. 
Ich schließe nicht aus, dass es auch mal eine Situation geben könnte, in der Marion nicht begeistert wäre von meinem Besuch zur Unzeit. Vielleicht weil sie Frühschicht hatte und schon im Bett liegt. Oder weil die Familie zum Sonntagsbrunch im Wohnzimmer versammelt ist. Aber ich bin mir sicher, dass sie mir trotzdem öffnen würde – zu jeder Tages- und Nachtzeit.  Wenn sie im Haus hätte, was ich brauche, würde sie es mir geben. Und wenn nicht, würde sie überlegen, wie sie mir trotzdem helfen kann. Und mir würde es schon guttun, ihr einfach nur erzählen zu dürfen: „Oh man, ich hatte alles so schön vorbereitet. Und jetzt fehlt dieses eine blöde Teil. Wie ärgerlich.“
Heute feiern wir den Sonntag Rogate, zu Deutsch: Betet! Im Evangelium für diesen Sonntag erzählt Jesus uns ein Gleichnis von einem Mann, der etwas Ähnliches erlebt. Er hat Besuch bekommen und kein Stück Brot mehr im Haus, weshalb er mitten in der Nacht an der Tür eines Freundes klopft. Der öffnet ihm. Man weiß nicht so genau, ob aus Freundschaft oder um endlich in Ruhe weiterschlafen zu können. Aber auf jedem Fall gibt er ihm genügend Brot. Das Gebot der Gastfreundschaft gebietet es ihm einfach.  
Mit diesem Gleichnis will Jesus sagen: Wenn schon eure menschlichen Freunde euch jederzeit die Tür öffnen würden, wieviel mehr wird Gott das für euch tun. Ja, er ist sogar noch mehr für euch da als liebende Eltern für ihre Kinder. Darum denkt nicht lange nach. Geht einfach zu ihm hin. Klopft an und sagt ihm, was euch fehlt. Gott freut sich, wenn ihr mit euren Bitten zu ihm kommt. 
Ich habe den Eindruck, dass das im Moment viele Leute machen. Sie beten. Weil sie erkannt haben, dass die Corona-Pandemie mit all ihren Folgen mehr als nur eine Nummer zu groß für uns Menschen ist. Wir können sie nicht alleine bewältigen, sondern brauchen dafür die Unterstützung von jemandem, der stärker ist und weiter sieht als wir.
Manchmal stelle ich mir vor, wie das ist, wenn Gott in diesen Tagen durch unsere Straßen zieht. Sicherlich muss er an vielen Häusern stehen bleiben, weil dort Menschen nach ihm rufen.
Im Haus an der Ecke entdeckt er zum Beispiel die brennende Kerze, die eine ältere Dame ins Fenster gestellt hat. Sie hat dabei nichts gesagt. Aber Gott hat ihre Gedanken gelesen: „Bitte sei du doch bei allen Kranken und Trauernden.“
Ein paar Häuser weiter hört Gott, wie ein Kind im Bett betet: „Lieber Gott, ich vermisse meine Großeltern so sehr. Bitte mach doch, dass ich sie bald wiedersehen kann.“ Diese Worte stimmen Gott sicherlich sehr traurig, weil ihm die Kinder besonders am Herzen liegen. Sein Sohn hat mal so schön gesagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihnen gehört das Reich Gottes.“ 
Vor dem nächsten Haus stehen zwei Erwachsene und singen „Der Mond ist aufgegangen“. Ich stelle mir vor, wie Gott sich zu ihnen gesellt und mitsingt. Weil er dieses Lied selbst sehr gern mag. Besonders die letzte Strophe, in der es heißt: „Lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch.“ Diese Worte zeigen Gott, dass die Menschen noch aneinander denken. Und das macht ihn froh.
In der Doppelhaushälfte am Ende der Straße bekommt Gott schließlich noch mit, wie jemand gerade einen Online-Gottesdienst ansieht und laut das Vaterunser mitspricht. Dieses alte Gebet, das sein Sohn den Menschen einst beigebracht hat. Wie schön, dass sie es immer noch kennen.

Betet! Dazu lädt uns der heutige Sonntag ein. Auf welche Weise auch immer. Laut oder leise. Allein oder zusammen mit anderen. Gesungen oder gesprochen. Mit eigenen Worten oder mit geliehenen. Bei Tag oder mitten in der Nacht. Und im Evangelium verheißt Jesus uns, dass unsere Gebete nicht folgenlos bleiben werden: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“
„Bittet, so wird euch gegeben?“, fragt da vielleicht gerade der eine oder die andere kritisch nach und denkt: „Das stimmt doch gar nicht, was Jesus da sagt. Ich habe schon oft erlebt, dass meine Gebete nicht Erfüllung gegangen sind.“
Dieser Einwand ist berechtigt. Es stimmt. Gott erfüllt nicht alles, worum wir ihn bitten. Manchmal hilft er anders, als wir es uns erhofft haben. Und oft passiert auch augenscheinlich überhaupt nichts. Ein kranker Mensch wird nicht wieder gesund. Der Krieg findet kein Ende. Und der Impfstoff gegen das Corona-Virus lässt immer noch auf sich warten.
Warum das so ist, wissen wir nicht. Doch ein paar Verse weiter sagt Jesus uns zu: „Gott meint es trotzdem gut mit euch. Und es gibt etwas, das er euch in jedem Gebet schenken will, nämlich seinen Heiligen Geist.“ Und der kann eine Menge in uns bewirken: Zum Beispiel kann er uns trösten, Kraft zum Durchhalten geben, Zuversicht schenken oder erfinderisch machen. Er kann uns dazu bringen, die Welt mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Und er kann uns Mut machen, neue Wege zu wagen.

Ja, das hält Gott in seiner Vorratskammer für uns bereit. Seinen Heiligen Geist - der nicht immer die Welt verändert, aber uns. Und das führt dann manchmal dazu, dass wir selbst die Welt ein Stückchen verändern. Darum, glaube ich, lohnt es sich wirklich, der Einladung dieses Sonntages zu folgen und im Gebet bei Gott anzuklopfen. Immer wieder. Genauso selbstverständlich, wie ich auch bei meiner Freundin Marion zu jeder Tages- und Nachtzeit klingeln würde. Gott bin ich sogar noch willkommener. 

Bleiben Sie und bleibt Ihr behütet!

Ihre/Eure Pfarrerin Emilie Weinreich

 

Hier der Predigttext zum Nachlesen – Lukas 11, 5-13

Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

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