Pfarrerin Emilie Berreth mit einem Sonntagsgedanken für den 07.06.2020.

Liebe Gemeinde!

Es gibt Sätze, die muss man von Zeit zu Zeit wiederholen, auch wenn der andere sie längst kennt. Ich denke an Sätze wie: „Ich liebe dich.“ „Ich bin froh, dass du meine Freundin bist.“ „Du bist der beste Opa auf der Welt.“ Oder: „Meine Tür steht immer offen für dich.“ Denn solche Sätze halten eine Beziehung lebendig. Und der, der sie hört, wird froh. 

Ein Satz, bzw. drei Sätze, die regelmäßig wiederholt werden sollten, sind auch die Segensworte, die am Ende jedes Gottesdienstes stehen und zugleich der Predigttext für den heutigen Sonntag sind: Der HERR segne dich und behüte dich! Der HERR lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig! Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!

Schon oft haben mir Menschen erzählt, dass ihnen diese Worte am Ende des Gottesdienstes besonders guttun. Lieder, Gebete und Predigt – alles gut und schön. Aber das Wichtigste ist der Segen. Wenn man den empfangen hat, dann kann man getrost in die neue Woche gehen.

Mich wundert das nicht, denn schließlich stammen diese Worte von Gott selbst. Im 4. Buch Mose, Kapitel 6, wird uns erzählt, dass das Volk Israel auf seiner langen Wanderung durch die Wüste – von Ägypten nach Kanaan – Rast am Berg Sinai macht. Dort empfängt Mose von Gott zunächst die beiden Steintafeln mit den Zehn Geboten und dann den Segen. Gott trägt ihm auf: „Sage diese Worte deinem Bruder Aaron weiter. Er und seine Nachfahren, die ich als Priester auserkoren habe, sollen sie meinem Volk immer wieder zusprechen. So sollen sie meinen Namen auf das Volk legen, dass ich es segne.“ 

Genau so macht Aaron es. Immer wieder spricht er den Israeliten unterwegs die Worte zu, die Gott ihm aufgetragen hat. Wir nennen sie darum auch „der aaronitische Segen“, der bis heute eine wichtige Rolle im Judentum spielt. Dass er auch ein fester Bestandteil unserer Gottesdienste geworden ist, haben wir Martin Luther zu verdanken, der beim Lesen der alten Worte offensichtlich auch etwas von der großen Kraft in ihnen spüren konnte.

Zurzeit ist es leider so, dass wir nicht jeden Sonntag den Segen in der Kirche empfangen können. Weil weniger Gottesdienste stattfinden und manchen ein Gottesdienstbesuch auch noch zu unsicher ist. Umso wunderbarer finde ich es, dass uns diese Worte heute als Predigttext erreichen. Ich habe mal in unserer Perikopenordnung nachgesehen, in der die Predigttexte festgelegt sind. Das letzte Mal war der aaronitische Segen vor sieben Jahren an der Reihe. Und darum fühlt es sich für mich ein wenig an, als sollte es so sein. Als wollte Gott, dass wir in dieser schwierigen Zeit – genauso wie das Volk Israel damals in der Wüste - nicht ohne seinen Segen sein müssen. 

Doch was sagt Gott uns im aaronitischen Segen eigentlich zu? Was ist gemeint mit diesen 3000 Jahre alten Worten?

Dieser Frage nähern wir uns am besten, indem wir erstmal einen Blick auf das Wort „segnen“ werfen. Es kommt vom lateinischen signare, zu Deutsch: Mit einem Zeichen versehen. Das kenne ich zum Beispiel von meinen Büchern. Wenn sie neu sind, kennzeichne ich sie grundsätzlich mit meinem Namen und einem Stempel. Wenn wir gesegnet werden, ist es ähnlich. Dann wird Gottes Name auf uns gelegt und wir erhalten das Kreuzzeichen. Das bedeutet: Wir gehören zu Gott. Wir sind mit ihm verbunden. Und so soll es bleiben.

Dann ist da im ersten Satz des aaronitischen Segens von „Behüten“ die Rede. In „Behüten“ steckt das Wort „Hut“. Und ich finde, das passt. Denn Gottes Segen ist keine Garantie dafür, dass in unserem Leben immer alles gut läuft. Er ist mehr wie ein Hut, der uns überallhin begleitet. Ein Hut verhindert nicht, dass wir Hitze, Regen und Schnee erleben. Aber er hilft uns, mit all dem besser fertig zu werden. Ebenso der Segen. Er bewahrt uns nicht vor aller Not. Warum auch immer. Aber er lässt uns spüren: Wir sind nicht allein. Gott ist uns nah. Und das macht manches erträglicher.

Das Wort „Angesicht“, das heute so gut wie kaum mehr verwendet wird, kommt im aaronitischen Segen gleich zweimal vor: Der HERR lasse sein Angesicht über dir leuchten. Und: Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich. Damit gemeint ist Gottes Blick. Gott sieht uns strahlend und freundlich an. Das erinnert mich an eine Prüfung, die ich vor etlichen Jahren machen musste und vor der ich sehr aufgeregt gewesen bin. Vor allem, weil ich den Prüfer nicht kannte. Doch als er zur Tür hereinkam und mich freundlich anlächelte, wusste ich: Der meint es gut mit mir. Der wird mir keine Fallen stellen, sondern versuchen, alles aus mir herauszuholen, was ich weiß und kann. Gott sieht mich mit noch viel liebevolleren Augen an. Wo auch immer ich gerade bin. Was auch immer mir gerade gelingt oder misslingt. Wie auch immer ich gerade zu mir selbst stehe.

Und schließlich ist da noch die Rede von „Frieden“. Unter Frieden verstehen wir häufig die Abwesenheit von Krieg. „Wir leben seit vielen Jahren in einem friedlichen Land“, sagen wir manchmal. Aber der Frieden, der hier gemeint ist, ist noch viel umfassender. Es geht auch um inneren Frieden. Um ein Gefühl von Heil-Sein, von Ganz-Sein, von Angekommen-Sein. So wird es einst in Gottes Reich sein. Doch manchmal können wir auch schon hier und jetzt etwas von diesem Frieden spüren. Zum Beispiel dann, wenn Gott uns durch seinen Segen ganz nah kommt.

Du gehörst zu mir. Ich begleite dich auf allen deinen Wegen. Ich sehe dich mit freundlichem Blick an. Bei mir findest du echten Frieden. – Das ist, was Gott uns im aaronitischen Segen zuspricht. Und darum sind es tatsächlich Worte, die regelmäßig wiederholt werden sollten.

Wenn ich sie gleich, am Ende des Briefes, noch einmal für Sie und Euch aufschreiben werde, dann werde ich das in Form einer Bitte tun. So hat es auch schon Aaron damals getan. Er hat nicht gesagt: „Gott segnet dich.“ Sondern: „Gott segne dich.“ Das bedeutet nicht, dass der Segen einfach nur ein Wunsch wäre. So wie ich sage: „Ich wünsche dir Gesundheit.“ Sondern auf diese Weise soll deutlich werden, dass derjenige, der den Segen spricht, nicht über ihn verfügt. Der Segen kommt allein von Gott. Und nur er kann ihn uns schenken. Im Judentum gibt es dafür ein schönes Zeichen. Wenn Juden den aaronitischen Segen sprechen, dann tun sie es mit gespreizten Fingern, durch deren Lücken, so stellt man es sich vor, Gott hindurchschaut.

Der HERR segne dich und behüte dich!
Der HERR lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig!
Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden! Amen

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