Predigt von Pfarrer Christoph Holland-Letz am 7. Juni 2020 über 4. Mose 6, 22-27

Friede sei mit Euch!

Liebe Gemeinde!
„An Gottes Segen ist alles gelegen!“ – so sagen wir gelegentlich. Denn wir Menschen haben manches selbst in der Hand, versuchen unser Leben sinnvoll zu gestalten, Weichenstellungen vorausschauend vorzunehmen. Aber dass unsere Kinder in guter Weise groß werden, dass „unsere Arbeit nicht ins Leere geht. dass hinter unserem Pflug Früchte wachsen, Brot für Leib und Seele, und dass zwischen den Halmen die Blumen nicht fehlen“. all das liegt nicht allein in unserer Hand. Wir sehen das sehr drastisch in diesem Jahr: Wir hatten schöne Pläne für diese Monate. Doch dann kam Corona und ganz viel davon war hinfällig. 

Dass Gott sich unserem Leben liebevoll zuwende, uns behüten möge, uns gnädig ist und Frieden schenke, dass er uns segne, das gehört daher zu unseren tiefsten Wünschen. Und so wünschen wir diesen Segen auch anderen, z.B. zum Geburtstag oder zu anderen Jubiläen. Oder wir verabschieden uns mit Adé, oder eng verwandt damit mit: Adieu, zu deutsch: Gott befohlen, und formulieren damit kleine Segenworte: Sei, wohin du gehst, von Gott begleitet! - und verbinden andere damit mit Gottes Segen. 

Der für heute vorgesehene Predigttext enthält nun den wichtigsten Segen, den Juden und Christen kennen. 
Er steht im 4. Buch Mose, Kap 6, Verse 22-27:  
Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Kindern Israel, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, dass ich sie segne. 

Liebe Gemeinde!

Wohlvertraute Worte: Die Segensworte unseres Gottesdienstes. Worte, in denen uns Gottes Schutz, seine Gnade und sein Friede zugesprochen wird. Es gibt Menschen, die gehen hauptsächlich wegen dieses Segens in die Kirche. Da fließt offenbar eine ganz besondere Energie: Trost, Lebensmut, Kraft zum Aufatmen. Arbeitsenergie für die kommende Woche. Liebesenergie für andere Menschen. Zornesenergie gegen Ungerechtigkeit und Geborgenheit in den Stürmen des Lebens. 

1. Der Herr segne dich und behüte dich. 
Gottes Segen stellt uns unter sein Behüten. Darin steckt mehr als nur Schützen. Es ist ein „Hüten“ wie es einen guten Hirten auszeichnet. Solches Behüten meint eine Sorge für ein umfassendes Wohlergehen der Schafe. Er lässt sie Nahrung finden. Er führt sie auf rechter Straße, Er begleitet sie durch dunkle Lebensphasen. Er macht sich nicht vom Acker, wenn das Leben schwierig wird. All das steckt in diesem „behüten“. 

2. Der 2. Satz unseres Segens sagt
Der Herr lasse „sein Angesicht leuchten über dir“ und sei dir gnädig. Mit fröhlichen Augen und wohlwollend angeschaut zu werden, davon leben wir Menschen vom 1. Augenblick an. Das leuchtende Angesicht über sich, das erlebt der kleine Säugling, wenn Vater oder Mutter sich über das Bettchen beugen und sagen: Hallo, Schatz, wie schön, dass du da bist! Dieses Strahlen der Eltern über ihrem Kind Ist eine Veranschaulichung für das leuchtende Angesicht Gottes. Es ist ein anerkennender, liebevoller Blick, der – voll Wärme und Licht - auf mir ruht. Er kann mich stärken, wenn Sicherheiten brüchig werden, oder Gefahr droht. Dieser Satz unseres Segens berührt mich besonders. Wir fühlen uns ja oft bewertenden Blicken ausgesetzt, sind vielen Ansprüchen ausgesetzt, eigenen und fremden, und nehmen dabei auch wahr, dass wir ihnen nicht genügen. Mit dem Zuspruch des Segens setzen wir uns in einer anderen Kraft aus: Der, die es gut meint mit uns, uns freundlich ansieht. Diese Kraft möchte ich immer wieder auf mich wirken lassen: Indem ich mich anschauen lasse von dem freundlich-strahlenden Angesicht Gottes. Und unter seinem Blick verweile.

Dass dieser "aaronitische" Segens unsere Gottesdienste beschließt, verdanken wir übrigens Martin Luther. Er hat ihn 1526 in die evangelischen Gottesdienste eingeführt.  Und er hat die Segensworte wie folgt gedeutet: Gott der Herr erzeige sich dir freundlich und tröstlich, sehe dich nicht sauer an noch zornig, erschrecke dein Herze nicht, sondern lache dich fröhlich und väterlich an, dass du durch ihn fröhlich und getrost werdest, und eine freudige, herzliche Zuversicht zu ihm habest. Luther hat eine Sprache, die der Seele gut tut. 

3. Schließlich - der dritte Satz unseres Segens. 
Der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.  Frieden also ist Sinn und Ziel des Segens. "Schalom" ist das hebräische Wort dafür. Und "Schalom" meint mehr als nur, dass kein Krieg herrscht. Schalom meint Wohlbefinden, Gesättigt-Sein, zum Frieden kommen in allem, was uns umtreibt, Zufriedenheit in einem umfassenden Sinn.

Soweit eine kurze Auslegung der drei Sätze unseres Segens. 
Eine Frage schließe ich an: 
Ist unser Segen eigentlich eine Bitte oder geschieht im Segen etwas? 
Die lutherische Theologie versteht den Segen als etwas, das geschieht. 
Im Segen passiert etwas. Gottes Schutz, seine Gnade und Friede wird uns darin zugesprochen. 

Das Wort "Segen" kommt vom lateinischen "signare" und bedeutet "zeichnen" oder "bezeichnen". Denn zum Segen gehören nicht nur Worte, sondern auch eine Geste: die über die Versammelten erhobenen Hände, oder Hände, die – wie bei der Konfirmation – auf dem Kopf ruhen oder – wie bei der Trauung – auf die Hände zweier Menschen gelegt sind. Ein Moment intensiver Nähe, in dem ich fühle: Alles ist gut. Jedenfalls jetzt in diesem Moment. Ich darf sein, so wie ich bin.

Und: Es ist keine Anmaßung, wenn Menschen andere segnen. Der Segen soll durch einen Menschen zu anderen Menschen hinströmen. Aber es ist Gott, der segnet, Kein Mensch, kein Pfarrer, kein Priester, kein Guru oder Schamane verfügt über Gottes Segen. Er geschieht durch Gott selbst, durch seinen Geist, der weht, wo er will – unberechenbar und wunderbar zugleich. 

Eine andere Frage beschäftigt Menschen seit alters her. Schon Kain und Abel trieb diese Frage um: Können wir den Segen Gottes eigentlich in unserem Leben erkennen? 

Wir verstehen den Segen Gottes so, dass er alles zum Guten wendet dass er dem Guten Entfaltung gewährt. Dass wir durch seinen Segen heil werden und auch die Welt durch ihn geheilt wird. Wo Gottes Segen wirkt, da gedeiht das Leben. 

Doch liegt dem nicht ein oberflächliches Verständnis von Segen zugrunde? Ist es nicht naiv zu glauben, dass es gesegneten Menschen stets gut geht. Nüchtern betrachtet gehören doch zu unserem Leben Schwierigkeiten, Misserfolge, Rückschläge, Niederlagen dazu und immer wieder auch eigene Fehler. 

Das ist ein wichtiger Hinweis. Schließlich verlieren wir alle im Alter an Lebenskraft. Gesundheitliche Beschwerden und Krankheiten begleiten uns zunehmend. Und wenn wir Gottes Segen nur in Gesundheit und Frische wahrnehmen würden, dann können wir im Alter nicht mehr daran glauben, dass Gott uns mit seinem Segen begleitet. 

Einen Hinweis, der uns weiterführt, finden wir in der Geschichte vom Auszug Israels aus Ägypten. Auch wir Christen haben uns darin ja als das wandernde Gottesvolk wiedergefunden. Diese Geschichte ist auch eine Segensgeschichte: Gott begleitet sein Volk beim Durchzug durch das Rote Meer und dann auf seiner Wüstenwanderung. Der Weg Israels läuft auf ein heilvolles Ziel hinaus: dass Israel das gelobte Land erreicht. Aber der Weg dorthin ist eben ein Weg voller Entbehrungen, Zweifel, Sorgen und Irrwegen. Diese Geschichte zeigt: Solche Schwierigkeiten stehen nicht im Widerspruch zu Gottes Segen. 

Will heißen: Segen ist zuweilen nicht offensichtlich. Natürlich zeigt er sich in dieser für alle sichtbaren Form: Als Gesundheit bis ins Alter, als Wohlergehen und Leben in guten Beziehungen. Aber das ist wahrlich nicht die einzige Form des Segens. 

Das veranschaulicht auch die Josefsgeschichte. Josef, der zweitjüngste der 12 Söhne Jakobs wurde von seinen Brüdern als Sklave verkauft. Die Brüder hatten es satt, dass Josef als Lieblingskind seines Vaters: ihnen stets vorgezogen wurde. Und so kam Josef als Sklave nach Ägypten. Sein neuer Herr kaufte ihn dort auf irgendeinem Markt Aber Josef landete bald im Gefängnis, weil er der sich von seiner Herrin nicht verführen lassen wollte – und sie sich für diese Erniedrigung mit bösen Beschuldigungen rächte. 
Josef im Gefängnis – nicht gerade ein Lebensort für gesegnete Menschen. 

Dort im Gefängnis aber wurden andere auf ihn aufmerksam, weil er Träume deuten konnte. Und so wurde er gerufen als der mächtige Pharao einen Traum hatte, dessen Deutung er unbedingt erfahren wollte. Josef erkannte dessen Bedeutung: Es werden sieben gute und dann sieben magere Jahre kommen. Es gelte daher jetzt, für die mageren Jahre vorzusorgen und Korn-Speicher anzulegen. Pharao war beeindruckt und holte Josef an seinen Hof. 

Die Brüder wollten ihm schaden und verkauften Josef als Sklaven, aber er wurde zur rechten Hand des Pharao. In dieser Position konnte Josef schließlich auch seiner Familie helfen, als sie an der Hungersnot litt, die sich im Traum des Pharao angekündigt hatte.  

Die Geschichte endet mit dem Satz: Menschen gedachten es böse mit ihm machen, aber Gott gedachte, es gut zu machen. Diese Geschichte zeigt: Segen ist zuweilen sehr langfristig angelegt. Wenn wir bis zur nächsten Biegung unseres Lebensweges viel Unheilvolles sehen sollten, dann bedeutet das nicht, dass Gott sich mit seinem Segen zurückgezogen hätte. 

Schließlich noch ein dritter Blick in die Bibel: Schauen wir auf Jesus. Jesus segnete die Kinder, drückte sie an sich. Er berührte die Unberührbaren,  tröstet die Verzweifelten / und heilte viele Kranken. Und wenn wir Christen segnen, wenn wir Gottes "Namen auf die Menschen legen", wie es im Predigttext heißt, dann geschieht das ja immer auch in Jesu Name. Mit dem Segen in seinem Namen verbindet sich deshalb auch das Zeichen des Kreuzes 
Aber dort am Kreuz – konnte da noch jemand Gottes Segen auf Jesu Leben erkennen? Gleichzeitig: Wer wollte verneinen, dass sein Leben über alle Maßen gesegnet war?

Das Kreuzzeichen, das mit dem Segen verbunden ist, weist darauf hin: Segen verhindert Schmerz, Leid und Tod nicht. Gesegnete gehen nicht unbeschwert durchs Leben oder eilen von Erfolg zu Erfolg. Gesegnete sind gerade die, die ihr Kreuz auf sich nehmen und dem Schweren standhalten / in der Hoffnung, dass kein Schmerz für immer bleibt. Nach Karfreitag kommt Ostern. Darauf verweist das Kreuzeszeichen beim Segen.

Ich komme zum Schluss. 
Liebe Gemeinde, was der Segen am Ende des Gottesdienstes uns wünscht und zusagt, ist nichts Leichtes, Flockiges, einfach nur Schönes. Vielmehr vermittelt er so etwas wie ein Einverständnis mit dem, was wir erleben: dem, was das Leben uns schenkt, und mit dem, was das Leben uns zumutet. Segen vermittelt einen inneren Frieden, der höher ist als alle Vernunft, größer als unsere Gedanken, Wünsche und Pläne. In diesem Frieden mögen unsere Herzen und Sinne bewahrt bleiben. 
Amen. 

Die nächsten Termine

So Jul 12 @09:30 -
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So Jul 12 @10:30 -
Gottesdienst
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Gottesdienst
So Jul 19 @11:45 -
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