Predigt von Pfarrer Christoph Holland-Letz zum Reformationstag 2020

Liebe Gemeinde,

„Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. 
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen!“

Das ist ein Trutz und Trotz-Lied gegen bedrohliche Mächte, die uns Christen zu schaffen machen. Und jede Zeit hat ihre besonderen Bedrohungen. 

Heute ist es besonders dieses Virus, das unser Leben bedroht. Wir wollen uns davor schützen und müssen daher auf vieles verzichten, was unser Leben sonst bereichert und erfüllt. Wir sind in Sorge angesichts der wachsenden Zahlen und fühlen uns unsicher. „Mit unsrer Macht ist nichts getan“. 

Dieses Lied hat uns Evangelische durch die Zeiten begleitet. Es ist mittlerweile 500 Jahre alt, aber wir spüren trotzdem auch heute seine Kraft: Eine feste Burg ist unser Gott! 

Das Lied stammt von Martin Luther. Aber was hat Luther eigentlich mir Burgen zu tun? Geboren wurde er in Eisleben in Eisenach ging er zur Schule. Dann studierte er in Erfurt, brach sein Studium ab und ging als Mönch in ein Kloster. Nun studierte er die Bibel und kam als Theologieprofessor nach Wittenberg. Aber in einer Burg hat er in all diesen Jahren nicht gelebt. Doch dann gab es 1521-22 eine Zeit, in der Luther eine Burg von innen kennenlernte. Viele von Ihnen waren schon dort: auf der Wartburg. Luther lebte für ein knappes Jahr dort. Aber wie kam er eigentlich dorthin? Was wollte er in der Abgeschiedenheit dieser Burg, 250 km von seinem Heimatort Wittenberg entfernt?  

Das ist eine spannende Geschichte, von der ich erzählen möchte: Nach der Veröffentlichung der 95 Thesen waren viele begeistert von Luthers Mut und von der Klarheit seiner Worte. Und so erreichten die Gedanken der Reformation immer weitere Kreise. 
Bald hatten sich auch Fürsten und andere gewichtige Leute auf Luthers Seite gestellt. Das Deutsche Reich war ein Bund von 30- 40 kleinen und klitzekleinen Ländern: Fürstentümer, Bistümer und Herzogtümer. Der Kaiser hatte nun die Sorge, dass dieses Deutsche Reich auseinanderfallen könnte, wenn durch Luthers Gedanken der einheitliche und verbindende Glaube im Reich verloren ginge. Und so lud Karl V im Frühjahr 1521 zu einem Reichstag nach Worms ein. Dort sollte der Glaubensstreit gelöst werden. Auch Luther wurde eingeladen. Man sicherte ihm freies Geleit zu: Er sollte auf dem Weg hin und zurück ein freier Mann bleiben. 

Eine Reihe von Freunden hatten Luther abgeraten, dieser Einladung zu folgen. Sie erinnerten an den Reformator Johann Hus aus Tschechien, der 100 Jahre vor Luther auf das Konzil nach Konstanz eingeladen war. Auch ihm hatte man freies Geleit zugesichert und dennoch wurde er festgehalten und schließlich als Irrlehrer auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Luther aber ließ sich nicht warnen: 
„Und wenn in Worms so viele Teufel wie Ziegel auf den Dächern wären, so wollte ich doch hineingehen.“ 

Und so zog er los. Doch zu seiner Enttäuschung durfte Luther in Worms seine Position gar nicht begründen. Er wurde vor Kaiser und Fürsten lediglich aufgefordert, seine Lehre zu widerrufen. Nur so könne er wieder zu einem freien Mann werden. 

Daraufhin sagte Luther den berühmten Satz: Solange ich nicht durch die Heilige Schrift vom Gegenteil überzeugt werde, bleibe ich bei meiner Lehre. Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“

Luther wurde entlassen, Der Kaiser und die Fürsten wollten die entsprechenden Beschlüsse ohne ihn fassen. Und so machte sich Luther Ende April mit 3 Begleitern von Worms aus wieder auf den Heimweg. Es war phasenweise wie ein Triumphzug. Überall erlebt er begeisterte Unterstützung, so wie auch schon auf der Hinreise. Manchmal machten die 4 Männer Halt, Luther ging dann in die Kirche des Ortes und predigte und bestärkte die Menschen so im Evangelischen Glauben.

Derweil beschloss der Reichstag, Luther als einen verurteilten Ketzer zu betrachten. Niemand durfte ihn mehr beherbergen oder verköstigen. Auch seine Anhänger sind zu verurteilen und seine Schriften zu vernichten. Luther galt nun als vogelfrei. Jeder durfte ihn also straffrei gefangen nehmen oder töten, so wie einen Vogel. 

Luthers Rückreise ging weiter, am 4. Mai fuhr man durch den Thüringer Wald. Plötzlich sprengten fünf Reiter aus dem Unterholz und brachten den Wagen zum Stehen. Einer legte eine gespannte Armbrust auf den Kutscher an. Derweil wurde Luther mit Gewalt aus dem Wagen gezerrt. Die Reiter zogen ihn ins Unterholz. Und dann verloren sich seine Spuren.  

Lange Zeit hörte man nichts von ihm. Seine Anhänger hielten den Atem an. Was ist mit ihm geschehen? Dann jagte die Nachricht durchs Land: Luther ist tot! Er sei von gekauften Mördern umgebracht worden. Diese Nachricht löste Entsetzen aus: Der Mann, von dem sie hofften, dass er Armen und Unterdrückten zu einem menschenwürdigen Dasein verhelfen würde, ist nicht mehr. Der Mann, der das befreiende Evangelium predigte, dass Gott uns ohne den Verdienst aus guten Werken gerecht spricht, ist von seinen Feinden ermordet worden. Man wollte es nicht glauben. 
Lähmung und Empörung machten sich breit. Und dann kam die Kunde auf  und wurde allgemein geglaubt: Durchbohrt von einem Stoßdegen ist Luther in einer Silbermine aufgefunden worden. 

Tatsächlich aber war alles ganz anders: Luthers Freund und Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise, hatte Luther zum Schein überfallen lassen, um ihn aus dem „Schussfeld“ zu holen und dann genau jenes Gerücht zu verbreiten: dass er tot sei. 
Die Reiter brachten Luther nicht um, sondern zur Wartburg. Er befand sich nun in ritterlicher Haft. Und der Burghauptmann war für seine Sicherheit verantwortlich. Er ließ die Burg bewachen und die Tore geschlossen halten. 

Luther bekam eine neue Identität: Er sollte sich „Junker Jörg“ nennen. Er musste seine Mönchkutte ausziehen und seine Haare wachsen lassen, damit ihn seine Mönchsfrisur nicht verrät. Außerdem sollte er sich einen Bart wachsen lassen. Und damit er als Ritter „durchgeht“, überreichte ihm der Burghauptmann passende Kleider: Ritterliche Hosen und Stiefel, eine Lederjacke, eine goldene Kette und ein Schwert. Wie verwandelt er einige Monate später aussah, zeigt das Bild hinten auf der letzten Seite. 

Luther konnte sich nun sicher und geborgen fühlen. In dieser bedrohten Situation hat er den Schutz einer Burg kennen gelernt. Und diese Erfahrung steht hinter unserm Lied:  Eine feste Burg ist unser Gott. Mögen wir auch bedroht sein von mancherlei Mächten, die uns Angst machen. Unfreundliche Menschen, Krankheiten, das Corona-Virus, nachlassende Kräfte im Alter:  Gott ist wie eine Burg. „Er hilft uns frei in aller Not, die uns jetzt hat betroffen“. Soweit der erste Gedanke meiner Predigt. 

Für den zweiten muss ich die Geschichte weitererzählen: 
Luther stand auf der Wartburg unter Kontaktsperre, über ihn war aus guten Gründen eine drastische Form des „Lockdowns“ verhängt. Auf der einen Seite fühlte sich Luther dadurch sicher, auf der anderen Seite aber missfiel ihm ganz und gar, dass er ausgerechnet jetzt weggesperrt war. Er war von seiner Mission nie so überzeugt, wie jetzt, wo er auf der Reise nach Worms und auf dem Rückweg erlebt hatte, wie das Volk im ganzen Land für ihn aufstand. Doch hier auf der Burg war er isoliert, ohne Gespräche und Nähe zu seinen Mitstreitern und Kollegen, seinen Freunden und Studenten. Aus vielen seiner Briefe geht hervor, wie einsam er sich in seinem Exil empfand. 

Luther war sicher, aber es ging ihm in seinem Lockdown auf der Wartburg nicht gut. Leiblichen Genüssen nicht abgeneigt und vom Burghauptmann bestens versorgt, erfreute er sich an Speisen und Getränken mehr als sie ihm bekamen. Da er seine zwei Zimmer auf der Burg nicht verlassen durfte bis sein Haar und Bart gewachsen waren, mangelte es ihm an Bewegung. Bald litt er an Darmverstopfung, die ihm mehre Monate zu schaffen machte. 

Neben den körperlichen Qualen kamen die seelischen. Zweifel an seinem Tun überkamen ihn. Sie krochen, wenn der Abend sich herabsenkte, aus den dunklen Ecken seiner Stuben: Hat die Kirche tatsächlich so lange geirrt und das Evangelium falsch ausgelegt? Und ist es vorstellbar, dass er, der Sohn eines einfachen Bürgers, auserwählt sein soll, dem Wort Gottes wieder seinen wahren Sinn zu geben? Was ist, wenn er sich irrt und die anderen im Recht sind? Dann führt er so Viele in Irrtum und Verdammnis. 

Luther schrieb: „Hier brach mir wahrlich der Schweiß aus und das Herz begann mir zu zittern: Der Teufel weiß seine Argumente wohl vorzubringen und hat eine starke Sprache“. Der Tintenfleck an der Wand der Lutherstube, der allen Besuchern auf der Wartburg gezeigt wird, steht symbolisch für diese heftigen inneren Auseinandersetzungen, die Luther in diesen Wochen zugesetzt haben.  

Was Luther in seinem Lockdown ebenfalls zusetzte, war das Gefühl der Ohnmacht: Dass er ausgeschlossen war von dem, was derweil in Wittenberg geschah. Die Reformation hatte Fahrt aufgenommen, obschon der Reformator selbst jetzt nicht vor Ort war. Luther bekam viel davon mit, weil er in Briefen mit Wittenberg im Kontakt stand. Wobei er seinen Aufenthaltsort natürlich geheim hielt.

Drei Wittenberger Priester heirateten in aller Form und festlicher Beteiligung von Verwandten und Freunden. Das Volk zeigte sich begeistert. Ein Mitstreiter Luther verkündete: „In der Mönchskutte kann niemand selig werden, die Mönche sind zu vertreiben und die Klöster aufzulösen!“
In Luthers Augustinerkloster wurden hitzige Debatten geführt. Im November 1521 verließen ein Drittel der dortigen Mönche das Kloster, bisherige Mitbrüder Luthers. Sie heirateten, wurden Handwerker, oder traten auf anderen Wegen ins bürgerliche Leben ein. 

Ebenso zogen Nonnen lachend aus ihren Klöstern und verabschiedeten sich befreit von den Zurückbleibenden. Auch sie strebten ein normales Familienleben an, dem Luther ja größte geistliche Wertschätzung entgegenbrachte. Sehr oft fanden Mönche und Nonnen zusammen, da sie ja durch das gleiche Schicksal verbunden waren. Und sie suchten sich für ihre Hochzeitsfeiern gerne den Freitag aus, denn sie verstanden es als Bekenntnis zur neuen Lehre, an diesem bisherigen Fastentag ein opulentes Fest mit ordentlich Fleisch zu feiern. 
Die Fahne der Freiheit wurde überall hochgezogen.

Ungeheure Aufregung löste es aus, als Melanchthon, Luthers engster Mitstreiter, in einem Gottesdienst im September 1521 einigen Studenten das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichte. Das war bislang nur den Priestern vorbehalten. Luther hatte das katholische Verständnis der heiligen Messe in Frage gestellt, jetzt zog man die Konsequenzen daraus. 

Es geschahen umwälzende Dinge in Wittenberg, vieles auch, was Luther nicht gutheißen konnte. Und all dies, während sich Luther auf der Wartburg versteckt halten musst. 
Natürlich versuchte er mit Briefen Einfluss darauf zu nehmen, aber er musste es aushalten, dass er nicht dabei war und nicht wirklich eingreifen konnte. 
Immerhin: Nachdem sein Bart prächtig gewachsen war, konnte sein Versteck jetzt gelegentlich verlassen, um kleine Fahrten oder Gänge in die Umgebung zu machen. Das tat ihm gut und niemand hat ihn erkannt. 

Im Dezember 1521 begann Luther dann mit seinem bedeutendsten Werk: der Übersetzung des Neuen Testamentes. Nur drei Monate brauchte er dafür und das bei all dem, was ihn sonst noch beschäftigte. Die Bibelübersetzung war das wichtigste Ereignis der deutschen Sprachgeschichte. Erst sie gab den Deutschen mit ihren vielen Dialekten eine einheitliche, allen verständliche Sprache. Goethe hat gesagt: „Die Deutschen sind ein Volk erst durch Luther geworden“. 

Luther verstand seine Aufgabe als Übersetzer wie folgt: „Ich habe Deutsch, nicht Lateinisch reden wollen. Man muss nicht die Buchstaben einer fremden Sprache befragen – so wie diese Esel es vor mir getan haben – sondern man muss die Mutter im Haus fragen, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt und ihnen aufs Maul schauen und sehen, wie sie reden und darnach dolmetschen, so verstehen die Menschen die Worte und merken, dass man Deutsch mit ihnen redet“.

Nach 12 Wochen ist die Übersetzung fertig. Ohne den Lockdown auf der Wartburg wäre diese konzentrierte Arbeit nie möglich gewesen. 

Trotz der ungewöhnlich hohen Auflage ist die Luther-Bibel innerhalb von drei Monaten vergriffen. Das von Luther mit neuem Leben erfüllte Wort Gottes geht hinaus in alle Welt, braust dahin wie ein Sturmwind und entzündet bei Vielen neuen Glauben und Frömmigkeit. 
Die Bibel wird gelesen, ja verschlungen. 
Die Verbreitung der Luther-Bibel ist mit keinem Werk vorher oder nachher zu vergleichen: 17 Auflagen in Wittenberg, 52 Nachdrucke in anderen Orten Deutschlands, etwa 1 Millionen Neue Testamente werden gedruckt

Luther hat das erzwungene Exil auf der Wartburg als ausgesprochen lästig empfunden. Aber er hat es genutzt für diese wunderbare Bibelübersetzung. 

Und zudem gewann Luther auf der Wartburg – befreit von seinen üblichen zahlreichen Tagespflichten in Wittenberg – Abstand zu den Ereignissen und Zeit zum Nachdenken. Das bewahrte ihn vor überstürzten Entschlüssen. 

Ob wir die bei uns verhängten Einschränkungen nicht ähnlich verstehen können? Welches größere Vorhaben könnten wir angehen? Was auf den Weg bringen, das vielleicht auch anderen zugutekommt? Was könnte unsere „Bibelübersetzung“ sein? 
Wir sollten nicht nur auf das schauen, worauf wir durch den Lockdown verzichten müssen. Denn das macht uns verdrießlich und angefressen. 
Lassen Sie uns vielmehr nach den Möglichkeiten dieser Wochen Ausschau halten! Ein Buch lesen und uns dadurch mit einen neuen Lebensgebiet beschäftigen, neue Rezepte in der Küche ausprobieren. Etwas Neues beginnen. Nicht immer in denselben Lebensspuren unterwegs sein. 

Ich komme zum Schluss: 
Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. 
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen!“

Spüren wir diesen Aussagen nach, versetzen wir uns in Gedanken in die Wartburg. Hoch über Eisenach gelegen. Und lassen die Geborgenheit in dieser Burg wirken auf unsere Seele, unsere Nerven und auf unseren Körper. 

Amen

Die nächsten Termine

Mi Dez 02 @18:30 -
Adventsandacht
So Dez 06 @10:30 -
2. Advent

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