Pfarrer Christoph Holland-Letz zu Lk 1,67ff am 13.12.2020

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, / der da war und der da kommt. 

Liebe Gemeinde, 
Warten ist im Advent unser Thema. Erwartungsvoll zu leben. Zacharias und Elisabeth hatten sehr lange gewartet. Und um ein Kind gebetet. Aber jetzt waren sie alt und ihre Hoffnung auf ein Kind waren erloschen. Trotzdem hielten sie an Ihrem Glauben fest. „Sie lebten beide, wie es vor Gott recht war“ - so hieß es in der Schriftlesung. 

Und dann - so erzählt Lukas, dass dem Zacharias im Tempel ein Engel erschien. Er verkündete dem Zacharias: „Deine Gebete sind erhört worden,  deine Frau wird schwanger werden und einen Sohn bekommen.“ Und damit nicht genug. Der Engel sagte zudem: „Dein Sohn wird das Volk Israel vorbereiten auf die Geburt des erwarteten Messias.“ 

Es verwundert nicht, dass Zacharias darüber sehr erstaunt war: „Wie soll ich das für möglich halten? In unserem Alter noch ein Kind?“ Woran soll ich erkennen, dass ich keinem Trugbild aufgesessen bin? 

Dass Gott Dinge tun kann, die unsere Vernunft übersteigen, das hatte Zacharias als Priester, der im Tempel den Gottesdienst mitgestaltete, oft gesagt und gehört.  
Aber im Alltag des Lebens, zu Hause ist solche Zuversicht oft weniger präsent. Da bewegte sich Zacharias gerne auf dem Boden der Tatsachen. Wir kennen das. 

Zacharias konnte den Worten des Engels nur schwer glauben. Und so gab der Engel ihm Zeit, um um über SEINE Worte nachzudenken. Viel Zeit. Zacharias wird stumm, ist 9 Monate sprachlos angesichts der Schwangerschaft seiner Frau.

Neun Monate später war in ihm die Entschlossenheit gereift, den Zusagen Gottes zu vertrauen. Und so setzte er sich bei der Namensgebung gegen alle familiären Gepflogenheiten durch: Dieses Kind soll Johannes heißen – Gott ist gnädig, so hatte es der Engel gesagt. Und so soll es sein. Und plötzlich löste sich seine Zunge und Zacharias konnte wieder sprechen. Und mit seinen ersten Worten nach langer Sprachlosigkeit: lobte er Gott und sein Tun. 
Es sind die Worte, die für heute als Predigttext vorgesehen sind: Und Zacharias, erfüllt vom Heiligen Geist weissagte und sagte: Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk. Voll Kraft ist der Retter, den er sendet, der Nachfahr seines Dieners David, den er vorzeiten verheißen hat durch den Mund seiner heiligen Propheten. 
ER soll uns erretten von unseren Feinden und aus der Hand derer, die uns hassen, und uns Barmherzigkeit erzeigen.  
Und du, Kindlein, Johannes, wirst Prophet des Höchsten heißen und wirst IHM den Weg bereiten. Denn unser Volk soll verstehen: Unser Heil liegt in der Vergebung unserer Schuld. Ja. Gott ist freundlich. Aus der Höhe sendet ER IHN, das Licht. Und ER wird aufscheinen für uns in der Finsternis und im Schatten des Todes und wird unsere Füße richten auf den Weg des Friedens.“

Liebe Gemeinde, 
man spürt diesen Worten ab, dass Zacharias schlichtweg „begeistert“ ist. Wobei sein Loblied einen weiten Bogen schlägt. Er schaut darin zunächst weniger auf sich und sein Schicksal, sondern mehr auf die weit zurückreichende Geschichte Gottes mit seinem Volk: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk“. Das haben die Väter Israels erlebt: Abraham, Jakob, David und die Propheten. Und jetzt sendet er den verheißenen Messias. 

Für dieses Erscheinen Gottes in unserer Welt das Wort „besuchen“ zu benutzen, macht dieses Geschehen sehr menschlich: Wir freuen uns ja in der Regel über Besuche. Schöne Bilder und Gefühle verbinden sich damit. Gott kommt zu Besuch – das ist ein Grund für Vorfreude. 

In der langen Geschichte Israels mit den Besuchen Gottes soll nun auch dieses neugeborene Kind seinen Platz bekommen: Er wird "Prophet des Höchsten heißen". Und er bekommt die Aufgabe: "Du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest." 
Johannes wird als Prediger in der Wüste, als Täufer am Jordan die Menschen darauf einstimmen, dass Gott sehr bald erneut zu Besuch kommt. Das Kommen des verheißenen Messias steht bevor. Johannes also versetzt seine Zuhörer in die Erwartung, die wir im Advent in uns zu nähren versuchen: Gottes Besuch steht bevor. 

Als Vater des Johannes, ist Zacharias stolz und sehr dankbar. Sein Leben hat sich mit neuem Sinn erfüllt. Und so erlebt er mit dieser Geburt einen besonders glücklichen Moment in seinem Leben. Einen Moment der Freude, des Erfüllt-Seins und der Zufriedenheit. 

Auch wir kennen solche Momente: Augenblicke, in denen Zweifel und Klagen zur Ruhe gekommen sind, in denen Freude und Dankbarkeit uns erfüllen. Doch momentan, in dieser Zeit der Sorge und der Schutzmaßnahmen vor Corona, dieser Zeit ohne Nähe, ohne Konzert-Erlebnisse, ohne Feiern - momentan sind solche Momente ganz rar. Aber vielleicht nehmen wir uns einen Moment Zeit und denken zurück an solche Augenblicke der erfüllten Freude in unserem Leben. Momente, in denen wir vielleicht auch einstimmen konnten in die Worte des Zacharias: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk.“ 

Ich denke, es ist für unsere Seele gesünder, Zeit und Aufmerksamkeit der Erinnerung solcher Höhepunkte zu widmen als der Frustration über all das, was uns wegen Corona heute fehlt, unbegrenzt Raum in uns zu geben. Oder soll tatsächlich unser Mangel heute mehr Gewicht in unserem Leben haben als die Freunde und Dankbarkeit über das Gute in unserem bisherigen Leben? 

An Weihnachten berührt uns die Botschaft, dass Gott uns besucht. Von ganz oben kommt ER und besucht uns hier unten. Wird geboren in einem einfachen Stall, wo nur Ochs und Esel als Heizung dienen, und wo es vielleicht noch kälter war als bei uns in diesem Jahr in der Liebfrauenkirche. 

„Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk.“ Dass wir uns an Weihnachten besuchen, ist eine schöne Antwort auf diesen himmlischen Besuch. Wegen Corona werden wir in diesem Jahr unsere Besuche zurückhaltender gestalten. Große Runden werden wir meiden. Vielleicht werden wir nur miteinander telefonieren oder skypen. Leider. 

Doch dieser himmlische Besuch, der von ganz oben nach ganz unten kommt, auch in unsere Niedrigkeit und Dunkelheit, wird deshalb nicht ausfallen.  

Unser Predigttext schließt mit den Worten: Das Licht aus der Höhe wird aufscheinen für uns in der Finsternis und im Schatten des Todes und wird unsere Füße richten auf den Weg des Friedens.“

Ja, wir wünschen es all denen ganz besonders, die tiefe Finsternis erleben: den Flüchtlingen in den Lagern rund ums Mittelmeer den mit Corona-Infizierten, den Altenheimbewohnern, die so wenig Besuch bekommen können, denen, die einen lieben Menschen an ihrer Seite verloren haben, wir wünschen Ihnen sehr, dass ihr Leben eine positive Wende nimmt. Und das Licht sie in der Dunkelheit tröstet. Oder noch schöner: dass ihr Leben aus dem Schatten wieder ins Licht findet. 

Vor 75 Jahren feierten die Menschen in Europa die erste Friedensweihnacht nach 6 Jahren Krieg. Manchen der Älteren ist das noch im Gedächtnis. Sie erzählen, dass es damals ganz wenig gab, vor allem kaum Geschenke. Und doch hatte dieses so schlichte Weihnachtsfest damals einen besonderen Zauber. Der Pfarrer und spätere Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz war an Weihnachten 1945 Pastor für Tausende deutsche Heimatvertriebene in Celle: Entwurzelte, heimatlos gewordene Menschen aus den ehemals deutschen Gebieten im Osten. Heinrich Albertz hatte in den Monaten nach Ende des Krieges erlebt, wie heftig die Menschen ihren Besitz verteidigt hatten: Wohnraum für die Heimatvertriebenen – gab man nur unter äußerstem Druck frei. Die Behörden mussten es anordnen, wo und wer eine Familie aufnehmen musste. Dafür war Heinrich Albertz zuständig.Es gab einen Kampf um Essen, um Wohnung und Kleidung.

Und dann kam der Heiligabend. Und Heinrich Albertz sagt dazu in der Rückschau: „Niemals in meinem Leben habe ich so deutlich erfahren, wie die Weihnachtsgeschichte geradezu als eine Art Gegenwelt zu dem Rennen und Laufen um Essen und Schlafen, ganz unmittelbar und fast wörtlich verständlich wurde. Und wie dieses Kind nun plötzlich das Gesicht der eigenen Kinder annahm und die Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft und ihrer sozialen Stellung - miteinander verband. 

Und so viel die Menschen auch verloren hatten, ihre Heimat, ihre Häuser, liebe Menschen, „die Lieder waren geblieben. Alles hatte sich verändert, nur diese alten Strophen nicht. Ja, sie wurden vielleicht zum ersten Mal wirklich gehört und verstanden. Man brauchte ja kaum etwas hinzuzufügen. Denn das „keinen Raum in der Herberge“ hatten ja nun alle erlebt.“

So wurde Weihnachten vor 75 Jahren zu einem sehr bewegenden Fest. Wer weiß, was und wie wir in einigen Jahren vom bevorstehenden Weihnachten in 2020 erzählen werden?

Das aufgehende Licht aus der Höhe leuchtete 1945 in die Finsternis der Welt und in die Finsternis verzagter Herzen. Und es leuchtet auch in diesem Jahr 2020 – auch wenn wir alleine sein mögen! Oder wenn es nur ein gemeinsam geschauter Gottesdienst im Fernsehen ist, der die Familie miteinander verbindet oder ein von unserer Kirchengemeinde vorbereiteter Videogottesdienst im Internet. 

Die Adventszeit will uns erwartungsvoll machen: dass Gott uns wieder neu besuchen wird und Dinge zum Guten wendet. Dafür stehen Elisabeth und Zacharias. Und natürlich ihr Sohn Johannes, der Täufer. Der die Aufgabe hatte, den Menschen seiner Zeit einen Vorgeschmack auf das Heil zu vermitteln, das in unserer Welt anbricht, wenn Menschen sich für Gottes Güte und Barmherzigkeit öffnen. 

Liebe Gemeinde, 
Zacharias hatte neun Monate Zeit, nachzudenken über das Neue, das beginnen soll. Johannes hat diese Zeit schweigend verbracht. 

Wir sind in diesem Jahr nur durch wenige Advents- und Weihnachtsfeiern abgelenkt. Wir erleben vielmehr eine besondere Form der Fastenzeit. Vielleicht keine schlechte Voraussetzung dafür, um adventliche Erwartung in uns wachsen zu lassen. 

Amen. 

Die nächsten Termine

Keine Termine

Kontakt

Gemeindebüro 
Auf der Burg 2
35066 Frankenberg
Tel 06451/2300662
Mo-Fr von 8-13 Uhr (Di bis 14 Uhr) 
Mo und Mi 13:30-16:30 Uhr