„Was für ein Kitsch!“, denkt Marie, als sie auf dem Heimweg von der Arbeit durch die Stadt läuft. Überall diese blinkenden Sterne, Glitzerspray und Engelsflügel. Frü- her mochte sie das auch. Aber in diesem Jahr fühlt es sich so an, als würden die anderen ein Fest feiern, mit dem sie überhaupt nichts zu tun hat. 
Vor ein paar Wochen ist Maries Mutter gestorben. Alles hatten sie versucht. Sie hatten gemeinsam gekämpft und gehofft. Doch gegen diese Krankheit konnte niemand etwas ausrichten. Auch Marie nicht mit ihren 14 Semestern Medizinstudium und inzwischen 8 Jahren Berufserfahrung. So gerne würde Marie den Heiligen Abend zusammen mit ihrem Vater, ihrer Schwester und deren Familie verbringen. Aber das geht leider nicht. Denn am ersten Weihnachtstag hat sie Frühdienst in der Klinik und die Autofahrt würde mehr als fünf Stunden dauern.

Als Marie um die nächste Ecke biegt, kommt ihr ein Gedanke: „Ob es wohl auf dem Weihnachtsmarkt noch einen Maronenmann gibt, so wie früher?“ Marie zö- gert einen Moment. „Ach, warum eigentlich nicht?“, denkt sie. „Ich kann ja mal nachsehen.“
Auf dem Weihnachtsmarkt ist es unglaublich voll. Menschenmassen drängen sich durch die schmalen Gassen. Es ist laut und dieses Weihnachtsliedergedudel geht einem auf die Nerven. Zum Glück entdeckt Marie schon nach wenigen Minuten einen Maronenstand. Sie kauft eine große Tüte und steckt sie in ihre Manteltasche. Das ist schön warm und die Maronen schmecken köstlich.
Hat sich doch der kleine Umweg über den Weihnachtsmarkt gelohnt. Aber jetzt nichts wie weg hier. Eilig schlängelt Marie sich an einer Gruppe Studenten vorbei, die sich gerade einen Glühwein gekauft haben, und macht sich auf den Weg nach Hause.. Doch was ist das? In einer kleinen Nebengasse steht sie plötzlich vor einem Stand, der ganz anders aussieht als all diese kitschigen Weihnachtsmarktbuden. Keine Blinklichter und kein Glitzer. Nur eine Kerze in der Mitte des Tisches. Links daneben liegen selbst gestrickte Handschuhe. Und auf der rechten Seite türmt sich ein Berg Bruchschokolade. Das sieht so einladend aus. Marie kann nicht anders. Sie muss einen Moment stehen bleiben.
Der Standbesitzer ist ein älterer Herr. Er kommt Marie bekannt vor. Aber sie kann sich nicht erinnern, wo sie ihn schon einmal gesehen hat. Vielleicht ein Patient? „Sie sehen traurig und erschöpft aus!“, sagt er zu ihr. „Kommen Sie und trinken Sie einen warmen Kakao!“ Bevor Marie antworten kann, hält sie schon einen Becher in der Hand. „Mmh, riecht der lecker!“, sagt sie. „Genau wie bei meiner Mutter früher.“ „Mögen Sie auch Schokolade?“ „Natürlich!“ Der alte Mann nimmt eine Tafel, bricht ein Stück ab und gib es ihr. Marie probiert. So gute Schokolade hat sie noch nie gegessen. Ein Hauch von Zimt und Vanille. Und irgendein Gewürz, das sie nicht kennt. „Die schmeckt ja himmlisch!“, entfährt es ihr. „Ich weiß!“, antwortet der Mann und lächelt sie freundlich an. „Ich nehme 300 Gramm“, sagt Marie kurz entschlossen. „Und die grünen Handschuhe. Die sehen so warm und gemütlich aus.“ „Gerne!“, antwortet der alte Herr. „Soll ich alles als Geschenk verpacken?“ „Ja, bitte!“, gibt Marie zurück. Schließlich kann man sich ja auch mal selbst etwas Schönes schenken. Das hat sie mehr als verdient. Marie bezahlt und verabschiedet sich von dem netten alten Herrn.
Acht Tage später ist Heiligabend. Als Marie von der Arbeit nach Hause kommt, ruft sie sofort ihren Vater und ihre Schwester an. Eine ganze Stunde telefonieren sie miteinander und versuchen, sich gegenseitig zu trösten. Doch nachdem Marie den Hörer aufgelegt hat, fühlt sie sich noch einsamer als zuvor.
Traurig sinkt sie auf der Couch zusammen. Dabei fällt ihr Blick auf das kleine Päckchen, das sie sich vor ein paar Tagen selbst auf dem Weihnachtsmarkt gekauft hat. Marie nimmt es und packt es aus. Aber da ist gar keine Schokolade drin. Und auch keine Handschuhe. Nur ein Briefumschlag. Marie öffnet ihn und liest:

„Das Volk, das im Finstern wandelt sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Land, scheint es hell. Liebe Marie, auch für dich ist heute der Heiland geboren.“

„Woher hat er meinen Namen gewusst?“ schießt es ihr durch den Kopf. „Sollte er wirklich…? Nein, das kann doch nicht sein! - Und wenn doch…?“
Marie ist verwirrt. Sie kann sich das alles nicht erklären. Aber auf einmal ist es ihr ganz warm ums Herz. Und das fühlt sich so gut an. Weihnachten. Gott kommt zu uns. So oder ganz anders. Lassen wir uns überraschen.

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht

Ihre/Eure Pfarrerin Emilie Weinreich

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