Andacht

Advent: Gott kommt zu uns - Aber nicht hoch zu Ross, sondern auf einem Esel

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ – das ist gewissermaßen das Motto der Adventszeit. Unsere Türen sollen wir öffnen in diesen Tagen, dass „der König der Ehre“ einziehe. Gemeint sind damit vor allem die Türen unseres Herzens. Wir wünschen uns, dass uns die Botschaft von jenem Gott neu berührt, der Mensch wird, niedrig und gering. Und dass diese Botschaft unsere verhärteten, verschlossenen und vielleicht auch enttäuschten Herzen wieder öffnet.

Für das Verstehen der Adventszeit hat die Geschichte von Jesu Einzug in Jerusalem viel Bedeutung. Das verwundert allerdings, denn diese Geschichte gehört ja biographisch an das Ende von Jesu Leben. Kurz nach diesem Einzug in Jerusalem wird er gefangen genommen und gekreuzigt. Im Advent aber gehen wir der Geburt Jesu entgegen. Krippe und Kreuz liegen biographisch weit auseinander, aber sie gehören inhaltlich durchaus zusammen.

Jedenfalls: Diese Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem ist eine bemerkenswerte Geschichte. Da zieht Jesus in die Hauptstadt Israels ein. Der also, von dem viele hofften, dass er ihre Sehnsucht nach Frieden und Freiheit erfüllen wird, reitet bei diesem Einzug auf einem Esel. Ein seltsamer König, der so in die Hauptstadt einzieht. Nicht auf einem prächtigen Pferd also, nicht mit Leibgarde, Dienerschaft, Kapelle und Soldaten, sondern auf einem Esel. Und begleitet nur von ein paar Männern, den Jüngern, mit denen man eigentlich auch keinen Staat machen konnte.

Deutlich wird damit: Er ist kein König wie andere. Er ist keiner, der mit Gewalt herrschen wollte. Keiner, der sich mit Zwang Zutritt verschaffen will. Sondern: Wenn Er kommt, dann kommt er zurückhaltend und in Demut. Er hat es nicht nötig, seine Bedeutung in einem pompösen Auftritt darzustellen. Auf die üblichen Herrschaftszeichen der Mächtigen wie roter Teppich, beeindruckender Palast, Mercedes als Dienstwagen kann er getrost verzichten. Denn er ist ein König der Herzen. Wenn Er kommt, dann möchte er eingeladen und willkommen geheißen werden.

Jesus wollte den Menschen also mit diesem Einzug auf einem Esel eine Art Bildpredigt halten. Wenn die Leute Jesus auf diesem Esel sahen, sollten sie merken: Dieser Jesus, dieser König der Ehren, er trägt die Nase nicht hoch, sondern er kommt gerne zu den kleinen Leuten. Jesus kommt nicht hoch zu Ross, sondern auf einem niedrigen Esel, nicht hochmütig, sondern demütig. Nicht herrschen will er, sondern lieben. Dieser König lässt andere nicht zu Kreuze kriechen, sondern er geht selbst ans Kreuz. ER zwingt andere nicht dazu, sich vor seiner Macht zur Erde zu beugen, sondern er ist ein König, der sich selbst erniedrigt und sich zu uns niederbeugt. All das ist in dieser Bildpredigt zu erkennen.

Nun hören wir in der Adventszeit die Botschaft, dass Gott nicht nur damals geboren wurde, sondern immer wieder kommen möchte, auch zu uns. Das aber sollen wir wissen: Seit damals hat sich nichts an der Art und Weise geändert, wie er das bevorzugt anstellt. Er wählt für sein Besuchen nicht die sensationellen, erstaunlichen Wege. Er bevorzugt vielmehr ganz schlichte Weisen, er benutzt gerne die unscheinbaren und niedrigen „Transportmittel“. Damals den Esel, heute die leisen Worte einer Andacht oder eines Gottesdienstes, die Worte oder Melodien eines Liedes, die Stille vor einer Kerze, Worte eines Mitmenschen, die uns zum Glauben anregen, Brot und Wein beim Abendmahl.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Es kommt der Herr der Herrlichkeit!“ Ja er kommt, auch in dieser schwierigen Adventszeit mit all den Konflikten und Kriegen. Aber dieser Herr der Herrlichkeit kommt anders als andere Herren.

Und so wünsche ich uns allen eine Adventszeit, in der wir erfahren: Dass dieser König der Herzen auch uns besucht. Seien wir gespannt darauf,

welches Transportmittel er diesmal dabei benutzt.

Ihr Pfarrer Christoph Holland-Letz